Mittwoch, 1. März 2017

Bad Staffelstein

Berühmtes Panorama, wenigstens auf dem Trafohäuschen


Die letzten Tage verbrachten wir in geheimer Mission im Ort Bad Staffelstein, wo es allerhand interessante Straßennamen wie "Am Schrank" und "Herrgottsmühle" gibt. Der ursprüngliche Plan war eine Wanderung mit anschließendem Thermenbesuch gewesen. Leider hat es dann wegen höherer Gewalt nicht mit der Wanderung geklappt. Stattdessen ein Spaziergang durch halben Regen, an Hunden vorbei, und Feldern, und trockenen Brunnen Ende Februar.

Der Thermenbesuch war dann aber wieder sehr schön, da die Sauna dort recht schön gestaltet ist.

Jetzt, wieder hier angekommen, widme ich mit der Wäsche, und habe im Hinterkopf eine Civilization-5-Partie, bei welcher ich das inoffizielle Spielziel verfolgen will, möglichst viele wahnsinnige Gigantobauten zu errichten (Weltwunder, Monumente, Straßenverbindungen zu allen vorhandenen Stadtstaaten...). Na dann gute Nacht!

Sonntag, 26. Februar 2017

Freundes- und Förderverein

Post kommt.
In letzter Zeit habe ich dann und wann so über meinen bisherigen Weg in allerlei Hinsicht nachgedacht. Wie bereits früher erwähnt, ist mir dabei auch aufgefallen, wie sich Dinge im Leben ändern, wie Ansichten sich verschieben, wie sich auch Umstände ändern, und man dann entscheiden muss, ob nicht aktuell etwas ganz anderes dran ist.

So habe ich es jetzt auch getan, und habe eine Mitgliedschaft im Förderverein eines sehr umfangreich aktiven Diakoniewerks erklärt. Eine andere Mitgliedschaft habe ich dafür beendet, da ich so das Gefühl habe, auch effektiver zu fördern, und mir auch eine explizit christliche Ausrichtung wichtig ist. Alles zusammen hat dann diese Entscheidung herbeigeführt.

Bin gespannt, ob ich dadurch vielleicht auch nochmal Sachen erlebe und erfahre, von denen ich so nie erfahren hätte.

Später geht es dann auf eine Feier in das wahrscheinlich lauteste Restaurant Nürnbergs, das aber gleichzeitig beim letzten mal durch sehr gutes Essen überzeugen konnte...


Schönen Sonntag allerseits!

Freitag, 24. Februar 2017

Manottidil, Take 5, and action...

Nach Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 jetzt der fünfte Abschnitt des Manottidilbuches:



Die Worte Jesu Christi wurden in San Giacomo besonders ernst genommen und viele Jahrhunderte, vielleicht auch Jahrtausende waren von den Bürgern der Stadt dazu aufgewendet worden, die richtige Auslegung der heiligen Bibel zu ergründen. Das Verzeichnis der Kirchengemeinden in San Giacomo las sich dementsprechend wie ein Katastrophenbericht oder eine Metapher auf die Evolution des Lebens auf der Erde. Gab es zur Zeit der Stadtgründung lediglich eine Kirche, katholisch, die den Namen der Siedlung trug bzw. andersherum, explodierte die Zahl der Nebenkirchen in den folgenden Jahrhunderten. Da gab es die Gemeinde „Von der apokalyptischen Frau“, die daraus entstanden war, dass ein gewissenhafter Doktor der Theologie zur Überzeugung gelangte, der Offenbarung des Johannes müsse mehr Gewicht zugestanden werden als der restlichen Schrift, nachdem ihm im Laufe einer Zwölf-Stunden-Messe am Johannistag schwindelig geworden war und er sich nun gerade an einer Statue der Maria in Gestalt der „apokalyptischen Frau“ noch festhalten konnte.
Wieder andere Gruppen trennten sich aufgrund für sie wichtiger Streitfragen des Glaubens, wie jener darum, aus welcher Gesteinsart die Gebotstafeln des Mose gemacht gewesen seien oder ob es „Wein und Brot“ oder nicht vielleicht „Brot und Wein“ heißen müsse.

So hatten Frau und Herr Manottidil nicht wenige Kirchenbauten auf ihrem Weg durch die Gassen der Stadt zu bestaunen. Da gab es die wuchtige Barockkirche „Heiliger Stefanus unter den Palmen“, in der die „Kongregation der Brüder in Christi zur höheren Ehre aller Heiligen“ ihre Gottesdienste abhielt, ein Gebäude, das aus weißem Marmor erbaut war, der Andachtsraum quoll über vor reich mit Gold, Perlmut und Jade verzierter Statuen, die schier alle Heilige des großen christlichen Legendenschatzes zierten und jede Stunde hielt ein charismatischer Bruder eine Messe zur Ehre eines durch ein kompliziertes, sich an Zahlenspielen in der Schrift orientierendes Lotterieverfahren ausgewählten Heiligen.

Ob das das Wesen der Religion ist?“ fragte Julisanda ihren Gatten „Zufall, Zufall und Menschenwerk?“
Du irrst Dich!“ entgegnete dieser. „Es ist eher wie Schach. Ein unendliches Geflecht von Kombinationen, wohlgeordnet und geheimnisvoll durchdacht. Springer auf C2!“.

Staunend standen die beiden Eheleute im heißen Nachmittagswind auf dem Platz vor der Kirche und schauten die beiden gewaltigen Türme hinauf.

Oh! Signore, Signora, verzeihen Sie bitte, aber habe ich dort gerade eine Schachmetapher gehört?“ lies sich ein liebenswert aussehender Herr mittleren Alters da hinter den beiden vernehmen. Sein Haar war von wichtigem Grau, seine Kleidung sauber und elegant, weißes Jackett, alte, aber gepflegte Lederschuhe.
Wissen Sie, Schach ist mein Leben, mein seliger Vater brachte mir dieses prächtige Spiel schon im Alter von 8 Jahren bei, und ich liebe Schach. Es beruhigt den Kopf und weckt den Geist! Es ordnet die Gedanken und pflegt die Empfindungen“

Das Manottidil nickte erfreut und sagte, eine kurze Bedenkzeit einhaltend: „Unser aller Leben ist Schach. Schach und Religion, Schach und das Wetter, Schach und Politik, Schachreligion und Schachpolitik. Kaum einer schafft es, dem Rang einer Schachfigur zu entlaufen.“

Maurizio ist mein Name.“ stellte sich der Mann vor. „Mit Einverständnis der Dame und des Herrn würde ich Sie gerne durch meine Heimatstadt führen. Nie werden sie in der Fremde solche Einblicke in die Wesensart eines Ortes, seine Essenz, erhalten als wenn sie von einem Eingeweihten geführt werden. Das Leben ist, wie sie sagen, wahrscheinlich Schach. Reisen aber ist Gnostizismus, Alchemie und Freimaurertum.“

Die drei schüttelten sich die Hände und spazierten, als schlafwandelten sie, gegen die Richtung des Windes, der von Südost her wehte.

Vor einem Haus schlicht-eleganter Bauweise blieb Maurizio stehen, seinen Arm auf das Gebäude richtend. „Signora, Signore, hier sehen sie das Wohnhaus des Stadtrates Mäander, welcher im Jahr 2079, Hochrenaissance, hier wirkte. Sein Lebenswerk war der Versuch, die Stadtmauern blau zu bemalen, um die Melancholie, die von der See herreinschwappt, zu spiegeln. Er nahm sich mit 39 Jahren, so sagt man, das Leben, indem er von den Klippen in der Kugelseebucht sprang.“

Der nächste Halt war eine grobe, romanische Kapelle, grau von Alter, abgeschliffen von Regen und Wetter.

»Sankt Purgatorium der verirrten Seelen« heißt dieses Kirchlein. Die Gemeinde ist vor vielen hundert Jahren entstanden, als ein Hochwürden Magnaculpea, angeblich ein Rumäne, die Christusworte »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« begann strikt auszulegen. Seitdem vermeiden seine Nachfolger nicht nur nach Möglichkeit das Sprechen, sondern auch Arbeit, Familie und alles andere. Nun ja. Lassen Sie uns doch einen kurzen Blick hineinwerfen, bevor die Nachmittagsmesse gelesen wird.“

Im Inneren der Kirche herrschte ein trübes Dämmerlicht. Keine Kerze erhellte den Raum, kein Zierrat war zu erblicken, nur einige sehr plastisch gezeichnete Darstellungen der sieben Todsünden waren an den traurigen Steinwänden zu erblicken, lediglich drei oder vier sehr dürre Gläubige knieten auf groben, abgewetzten Bänken, ins Gebet vertieft.

Wahrlich, ein irdisches Purgatorium.“ bemerkte das Manottidil „Nicht schlecht. Aber möglicherweise doch ein bisschen trostlos? Lasst uns wieder ins Freie gehen.“

Man schritt, von Andacht ergriffen, ins Sonnenlicht hinaus.
Nun sollen Sie beide das genaue Gegenteil des eben erlebten ansehen!“ sprach der Reisebegleiter unserer beiden Eheleute leutselig. „Bitte folgen Sie mir!“ und eilte voran.

In einem vormaligen Weinlagerhaus hatte die Kirchengemeinde „St. Florian reißt dem dumpfen Schriftgelehrten das Buch aus der Hand“ ihr Gotteshaus eingerichtet. „Es gibt dort keine Messen und die Gemeindeglieder kämen im Traum nicht darauf, in der Bibel zu lesen. Sie sind der festen Überzeugung, durch ein nachdrücklich gelebtes Leben und aktive Nächstenliebe alles zu tun, was getan werden muss. Dabei berufen jene sich übrigens auf die haargenau gleiche Stelle in der Schrift wie die Purgatoristen“ In der großen Halle, in der nur einige Stühle und Kübel, in denen Pflanzen grünten, standen, rannten einige ausgelassen lachende Kinder in Schlangenlinien umher. Ein Hund bellte in einer Ecke die Wand an und vier Männer quäkten, begleitet von einer verstimmten Gitarre, das Lied „Alter Seemann von Kreta, Du gabst einem Bettler all Dein Geld!“, und dies alles vermengte sich zu einer scheußlichen Kakophonie. Die drei Spaziergänger verließen den Raum zügig wieder.

Mich würde sehr interessieren, wie Sie, Bester, eigentlich zur Religion stehen, in einer Stadt, die scheinbar keinen Mangel an solcher leidet!“ sprach das Manottidil eifrig zu Maurizio, dem Reisebegleiter. Dieser kratzte sich eine Weile lang am Kopf, bevor er bedächtig antwortete. „Wahrscheinlich bin ich ein Ungläubiger. Ich nehme den Glauben zu ernst, um einfach zu glauben. Glauben ist keine Zitrone, meine Herrschaften, Glauben ist keine Schachpartie. Und eine Schachpartie ist keine Zitrone.“

Das Manottidil und Julisanda nickten wissend und voll des guten Gefühls, hier einen wahren Seelenverwandten gefunden zu haben.



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Unscharfer Frühling

Sanfter Hinweis auf einen unscharfen Frühling


Habe gestern mal wieder gemerkt, wie toll ich meine Gemeinde finde, wie dankbar ich bin, da eine (nicht nur) geistliche Heimat gefunden zu haben, und warum ich damals da überhaupt geblieben bin, und warum ich in der Kirche, in der ich bin, bin. Alles in allem sehr erfreulich! (und später kehrt das Manottidil zurück!)

Montag, 20. Februar 2017

Montag

Düstere Aussichten: "Die Zukunft der Grünen" im
Möbelhaus


Heute, liebe Leser aller Geschlechter und Nationen, ist wieder der Montag. Vorbei das Wochenende. Vorbei das Gipfeltreffen mindestens 18 Jahre später, das ich am Freitag hatte. Vorbei die Suche nach Möbeln im Möbelhaus (wo kein Mangel an "Die Zukunft der Grünen" bestand). Vorbei auch das Konzert mit Musik japanischer Komponisten im Kulturladen Ziegelstein (sehr gute Musik und interessant, aber eher schlecht organisiert). Und vorbei der Sonntag, mit vielen Gedanken. Die Gedanken aber blieben.

Heute ein Arbeitstag zwischen braunem Wasser aus der Leitung und Lebensansichten in Schieflage.
Heute Regen und Schniefnasen über Nürnberg Ost, und im Westen Wind.

Habe heute eine Petition unterzeichnet. Hat ein bisschen Überlegen gekostet. Und jetzt fühlt es sich gut an. Anmerkung zur Güte: Ich unterzeichne mit der Einstellung, so meine Meinung sagen zu wollen. Und zwar gänzlich ohne Schaum vor dem Mund, Wutanfälle und in-den-Teppich-Beißens.
Und jetzt fühlt es sich gut an.

Ansonsten überlege ich mir, eine Trägervereinsmitgliedschaft, die mich ein paar Jahre begleitet, zu kündigen, um eine andere Sache zukünftig unterstützen zu können. Und dabei merke ich, wie sich Dinge im Leben auch ändern.

Samstag, 18. Februar 2017

Nervtötende

Heute: nervtötende Verschwörungstheorien, zu haben in links und rechts.
"Der und der wurde weggemobbt...", "Die und die wurde umgebracht...". "Das machen die und die...". "Das Volk muss wieder...", "Das Volk braucht wieder..." "Da müsste doch mal wer...". "Wir haben als einzige Gruppe noch Zivilcourage...". "Wie lange noch...? Uns wird hier was verschwiegen..."" "Der wurde umgebracht und dann weggemobbt. Das warn die Lobbyisten...", "Die und die wurde aus der Berichterstattung gestrichen und dann gemobbt. Das warn die Demokraten...". 

Und jeder hat dann gleich die tolle Idee, die alles rettet. Wenn nur die störrischen Leute nicht wären, die nur einsehen müssten, was gut für sie ist. Aber... ... (und hier darf man jetzt wieder in der zweiten Zeile dieses Beitrags zu lesen anfangen ) ... 

Irgendwie hätte ich fast Lust, doch Zeit in ganz stinknormaler, bürgerlicher, seriöser, langweiliger Vereins- oder Parteipolitik zu investieren. Irgendwann. 

Freitag, 17. Februar 2017

Und wieder: Das Manottidil!

Nachdem wir jetzt schon Teil 1, Teil 2 und Teil 3 hinter uns gebracht haben, folgt nun allfreitäglich der nächste Teil, nämlich der

 vierte Abschnitt 

der Geschichte vom Manottidil und seiner Ehefrau:


Der Kaufmann verließ im Hafen einer kleinen Insel, wo er Geschäfte zu tätigen hatte, das Schiff. Alsdann setzte er sich in eine Hafenwirtschaft und schrieb den folgenden Brief:

An den gnädigen Herrn Alessandro de' Medici, Herzog und Regent zu Firenze.

Allergnädigster Herr!

Ich erlaube mir, ein unbedeutender Kaufmann, diese Zeilen an euch zu richten in der Hoffnung und dem festen Vertrauen, in euch einen Freund und Förderer der ehrlichen Wissenschaften zu finden.

Auf meinen Reisen zwischen dem Land am Nile und den griechischen Inseln konnte ich die Entdeckung einer wunderseltsamen Creatur machen, solche nicht ich noch irgendjemand sonst auf dieser Welt gesehen. Es handelt sich um eine Art Crocodil, nur hiervon unterschieden darin, dass es wie ein Mensch auf zwei Beinen gehet, Kleidung trägt, in gottgefälligem Ehstande zu leben scheinet (sein Ehweib trägt den Namen Julisanda, so ich im Gespräche erfuhr, es selbst hingegen scheint ohne Namen zu sein), ein großer Kenner aller Künste, Materialen und Wissenschaften (sofern ich dies tauglich beurtheilen kann) und ausgezeichneter Freund guten Weines zu sein, von welchem ich mit besagtem Wesen zwei volle Krüge an Bord des Schiffes getrunken.
Die Creatur redet, sie sei auf der Reise nach Italien befindlich und ich möchte in aller Bescheidenheit und Demuth die Ehre nicht missen, euch, Herr, diese Entdeckung anzeigen zu dürfen, aufdass man vorbereitet ist auf die Erscheinung des Wesens in den Feldern unseres Mutterlandes.
(Wenn ich um eine große Gnadenhuld bitten dürfte, so wäre es diese, das Tier, so jenes Wesen ein Tier zu nennen ist, nach seinem treuen und allerdemüthigsten Entdecker, meiner Person zu benennen. Ich schlage somit vor, dies Wesen das „Manottidil“ zu nennen. Weiter schlage ich voller Treue vor, das Wesen zu inhaftieren, sobald es italienischen Boden betritt, um es weiter befragen und von Gelehrten untersuchen lassen zu können.

Mit Unterthänigkeit

Manotti

Den 22. Juli 2037

Man muss nicht erwähnen, dass das auf den Brief folgende Gelächter im Fürstenhaus nicht klein war. Der angeschriebene Alessandro soll, munkelt man, angeordnet haben, statt des Manottidils seinen frechen und offenkundig gemütskranken Entdecker zu inhaftieren, sobald er Florenz erreiche und bis hinunter zum letzten Küchenjungen schüttelte man energisch die Köpfe über den Brief, dessen Inhalt sich aufgrund seiner Exzentrizität sehr schnell herumgesprochen hatte.

Trotz allem hatte die Sache natürlich eine Wirkung: Vor den Sternen und der Erde, vor allen Bäumen, Geiern, Fischen in den Flüssen und vor den traurigen Gespenstern in den Klosterruinen dieser Welt hatte das Geschöpf, von dem diese Geschichte erzählt nun und für alle Zeit einen Namen: Das Manottidil.

3. Kapitel

Man schrieb den 4. Juli 1974 als das Dampfschiff im Hafen der Stadt San Giacomo anlegte. Die Sonne schien übertrieben auf die Szenerie hinunter und 70% der Mannschaft waren schwer betrunken.
Als das Manottidil mit seiner lieben Ehefrau den Landungssteg betrat, schrie ein minderjähriger Knabe namens Casimiro, seines Zeichens Lakai und vorzüglicher Kartoffelschäler des Schiffskoches mit weinschwangerem Knabensopran: „Seht das Tier an! Ist das nicht ein Zeichen vor aller Welt? Wann hat Gott der Herr das letzte Mal ein solches Wesen vor einem Schiffsjungen aufmarschieren lassen! Lasst uns dieses Phänomen ehren! Wir benötigen einen neuen Titul für unsere schwimmende Insel!“
Der Rest der nur in Teilen zurechnungsfähigen Besatzung war sofort entflammt angesichts der Idee des Buben. So kam es, dass besagtes Schiff eine weitere Namensänderung durchmachte und von diesem Tag an auf den Namen „Der Drache des Sankt Georg in den Lustgärten von Aleppo“ getauft war.

San Giacomo war in diesen Tagen eine Stadt ganz der Mode der Zeit entsprechend in weihrauchschwangerem Cäsarenwahn versunken. Die Stadtplätze waren voll von wohlgeformten Jünglingen, meist Studenten an der örtlichen „Universität der großen Künste, Weltwissenschaften und andererley nutzhafter akademischer Disciplinae“. Diese verbrachten ihre Tage damit, selig auf die mythologischen Figuren der Renaissancebrunnen zu starren und sich wechselseitig für ihre neuesten Poeme mit Lorbeer zu krönen. Die Vorlesungen an besagter Universität fielen ohnehin größtenteils aus, da die Professores diese nicht selten einfach vergaßen, so verstrickt waren sie in allerlei intellektuelle und philosophische Kaffeehausgespräche, in das Schreiben ihrer Memoiren oder mindestens 200-seitiger Aufsätze für Zeitschriften, die direkt und ohne Umwege über unwissende Leser für die Archive der großen Bibliotheken gedruckt wurden.

Frau Julisanda und ihr Mann staunten nicht schlecht, als sie in der Nähe des Hafens einen Imbiss nahmen, welch eine beeindruckende Metropole des Geistes dort vor ihnen lag. Es öffneten sich zur Mittagszeit die Fenster kluger und elfenbeinbleicher Mädchen um ein Meer von Gesängen auf die Straßen zu spülen. Geschliffene Mezzosopranistinnen sangen da im Duett mit abgründigen Altstimmen, dann und wann tönte von irgendwoher ein Fortepiano, meist gespielt von einem der Welt abhanden gekommenen Professor, in virtuoser Güte. Wenn die Musik am schönsten war, kam nicht selten vom Meer hergezogen ein roter, mediterraner Wind, in dem sich hundertduzendweise Grashüpfer, Zitronenfalter, Seesterne und Blütenblätter verheddert hatten, und die nun mit dem Wind sich auf die Stadt legten. Ein Kellner stand da auf und sang folgendes Arioso in scheußlich tiefem Bass:

O Wind O Wind!
Du bringst uns Sand und Mythen
und Geschichten
Du trägst uns uns're Tage vor die Götter
welche richten
Die Welt, o Wind, ist flüchtig so wie du
Das Leben ist ein kurzer Blitz inmitten ew'ger Ruh!
O Wind O Wind! O Ew'ge Ruh!

So ein Unsinn! Nie so dummes Zeug gehört. Der Kerl verdirbt ja die ganze Größe der Stunde!“ murrte das Manottidil, knallte mürrisch eine Münze auf den Tisch, um die Rechnung zu begleichen und zog seine Frau in eine der verwinkelten Gässchen San Giacomos, von wo aus beide eine Stadtbesichtigung zu beginnen trachteten.


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